Politaktiv 3.0: Wie KI-gestützte Entwicklung gelingt –und was es dafür braucht

Manchmal braucht es drei Anläufe, um etwas richtig zu machen – und manchmal
lernt man dabei mehr als in einem geradlinigen Erfolg. Die Entwicklung von
Politaktiv 3.0 ist eine solche Geschichte: über eine Plattform für digitale
Partizipation, über den Mut zur Neuentwicklung und über das, was KI im
Entwicklungsprozess wirklich kann – und was nicht.

Der Weg zu Politaktiv 3.0

Politaktiv ist eine Online-Plattform für digitale Bürgerbeteiligung und Partizipation –
2011 gestartet, von der Integrata-Stiftung entwickelt, betrieben und finanziert, für
Kommunen kostenlos. Begleitet werden die Beteiligungsprozesse von der Human IT
Service GmbH mit professioneller Moderation und Prozessdesign. In Stuttgart,
Metzingen, Weissach im Tal und weiteren Kommunen ist die Plattform seit Jahren
erfolgreich im Einsatz: für Quartiersentwicklung, Mobilitätskonzepte, kommunale
Beteiligungsverfahren. Version 1.0 läuft dort weiterhin stabil – ein Beleg dafür, was
langjährig erprobte digitale Beteiligung leisten kann. Version 2.0, seit Anfang 2025 im
Einsatz, brachte eine weitere Modernisierung: Der Landkreis Esslingen nutzt sie als
erste Kommune für den Rat der Initiativen.
Und dennoch war schnell klar: Version 2.0 ist nicht die Antwort auf die nächsten zehn
Jahre. Die Entwicklung verlief langsam, die Architektur ließ eine tiefgreifende KI-
Integration nicht zu – und mit dem rasanten Fortschritt von KI-Werkzeugen wuchs der
Abstand zwischen dem, was möglich war, und dem, was die Plattform konnte. Darüber
hinaus wollte das Team Partizipation grundsätzlich neu denken: breiter als nur
kommunale Bürgerbeteiligung, von Anfang an auf KI ausgelegt. Die Entscheidung für
Politaktiv 3.0 war also keine Kritik an dem, was war – sondern ein konsequenter Schritt
nach vorne.

Version 2.0: Das klassische Entwicklungsmodell

Version 2.0 entstand im klassischen Entwicklungsmodell: ein erfahrenes Team,
iterative Abstimmung, vertraute Prozesse. Was dabei fehlte, war eine präzise,
gemeinsam erarbeitete Spezifikation. Es gab ein Zielbild – aber es war nicht klar genug
abgesprochen, sodass das Team vergleichsweise frei entwickelte. Das führte zu
grundlegenden Architekturentscheidungen, die sich später als problematisch
herausstellten. Die Entwicklung lief langsam, KI spielte kaum eine Rolle – und mit dem
rasanten Fortschritt von KI-Werkzeugen wuchs der Abstand zwischen dem, was
möglich war, und dem, was die Plattform konnte. Klar wurde: Für die nächste
Generation braucht es einen anderen Ansatz.

Erster Versuch mit 3.0: Vibecoding

Der zweite Versuch setzte auf einen neuen Ansatz: Vibecoding – die KI-gestützte
Softwareentwicklung, bei der Entwicklerinnen und Entwickler vor allem mit
natürlichsprachlichen Anweisungen arbeiten und KI-Tools den Großteil des Codes
generieren. Diesmal gab es eine funktionale Spezifikation. Die Erwartung war groß:
schneller, flexibler, näher an den tatsächlichen Bedürfnissen.
Die Ernüchterung folgte. Die Spezifikation war vorhanden, ging aber nicht tief genug –
und das Team hatte noch nicht die Erfahrung, die KI-gestützte Entwicklung in diesem
Maßstab erfordert. KI traf Fehlentscheidungen in der Architektur, die zunächst nicht
auffielen und erst spät sichtbar wurden. Zu dem Zeitpunkt war bereits zu viel gebaut
worden, um es einfach zu korrigieren. Auch dieser Anlauf führte nicht zum Ziel.

Zweiter Versuch mit 3.0: Der Durchbruch

Der Durchbruch kam mit dem dritten Anlauf – und er kam nicht trotz der
Vorgeschichte, sondern wegen ihr. Die Erfahrungen aus beiden Vorgängerversuchen
flossen direkt in eine deutlich präzisere funktionale Spezifikation ein: detaillierter,
klarer abgestimmt, von Anfang an modular gedacht. Das Team war erfahrener und
strukturierte die Architektur von Beginn an sorgfältig – eine Grundlage, auf der KI
verlässlich arbeiten kann. Hinzu kam: KI-Werkzeuge haben sich in der Zwischenzeit
erheblich weiterentwickelt und ermöglichen heute eine andere Qualität der KI-
gestützten Entwicklung als noch ein Jahr zuvor.
Das Ergebnis ist Politaktiv 3.0 – eine Plattform, die von Beginn an auf KI ausgelegt ist.
Automatische Übersetzung in alle konfigurierten Sprachen und Leichte Sprache sind
bereits angelegt, damit Beteiligung keine Sprachbarrieren kennt. Argument Mining soll
aus vielen Einzelbeiträgen ein strukturiertes Meinungsbild destillieren. Hate-Speech-
Erkennung wird problematische Inhalte automatisch in die Moderations-Queue
einsteuern. Ein KI-Assistent pro Beteiligungsprozess ist geplant, der Fragen
beantwortet und transparent auf Plattforminhalte verweist. Und auch die Möglichkeit,
handschriftlich gesammelte Beiträge per KI einzuscannen und zu importieren, ist
vorgesehen – damit analog und digital nahtlos zusammenwachsen. All das nicht als
nachträgliches Add-on, sondern von Anfang an als Teil der Architektur. Mit einem
klaren Prinzip: Technologie unterstützt Menschen – sie ersetzt sie nicht.

Was bleibt

Die Entwicklungsgeschichte von Politaktiv 3.0 hat hinterlassen, was kein geradliniger
Erfolg hätte liefern können: ein klares Bild davon, was KI-gestützte Entwicklung
braucht, um zu funktionieren. Weder das klassische Modell allein noch Vibecoding
allein reichen – entscheidend ist die Kombination aus präziser Spezifikation, einem
erfahrenen Team und KI als echtem Entwicklungswerkzeug, nicht als Abkürzung.
Politaktiv 3.0 steht kurz vor der Fertigstellung – und mit dem Launch soll es gleich in die
Praxis gehen. Geplant ist eine Verknüpfung mit dem Demokratie Zukunftsfest in
Tübingen als ersten öffentlichen Auftritt, gefolgt vom schrittweisen Ausrollen in immer
mehr Kommunen. Das Ziel dahinter ist dasselbe wie 2011: Beteiligung möglich machen
– nur jetzt mit den Möglichkeiten, die KI eröffnet, wenn man weiß, wie man sie einsetzt.